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Schulchronik

Chronik Realschule

Realschule am Bleichstein:

Wandel und Kontinuität

aber immer mit Herz und Verstand!

 

Ich bin die Realschule am Bleichstein – und ich habe einiges zu erzählen

Ich stehe hier am Bleichstein. Fest verwurzelt in Herdecke, als Teil einer Stadt, die mich nicht einfach nur gebaut hat – sondern mit mir ein Stück ihrer Zukunft gesichert hat.

Man könnte meinen, ich sei erst am 24. Oktober 1977 geboren worden, als die ersten Schülerinnen und Schüler durch meine Türen gingen. Aber eigentlich begann meine Geschichte schon früher. Sie begann mit einer Entscheidung.

Damals stand Herdecke vor einer Herausforderung. Die kommunale Neugliederung veränderte Nordrhein-Westfalen. Wer kein eigenständiges, mehrgliedriges Schulsystem besaß, lief Gefahr, seine Selbstständigkeit zu verlieren und ‚eingemeindet‘ zu werden. Dortmund und Hagen standen bereit.  Deshalb entstand ich. Nicht nur als Schule, sondern auch als Bekenntnis: Herdecke bleibt Herdecke.

Darauf bin ich bis heute ein wenig stolz.

 

Mein Name erzählt Geschichte

Fast hätte ich übrigens ganz anders geheißen.

Im Gespräch waren die Gustav-Heinemann-Realschule, die Frederuna-Realschule – benannt nach der Gründerin des Herdecker Stifts – oder sogar Ruhr-Realschule.

Geworden bin ich schließlich die Realschule am Bleichstein.

Ein schöner Name.

Denn der Bleichstein erinnert an die großen Ruhrwiesen, auf denen früher die Herdeckerinnen ihre Leinentücher zum Bleichen in der Sonne ausbreiteten. Vermutlich gab ein markanter Felsen den Wäscherinnen Orientierung – daher der Name.

So trage ich bis heute ein Stück Stadtgeschichte in meinem eigenen Namen.

 

Die 1970er – Zwischen Schlaghosen und Schulgründung

Während draußen ABBA die Hitparaden eroberte, Disco-Kugeln glitzerten und die Menschen über Ölkrisen und den Kalten Krieg diskutierten, begann meine Geschichte noch ohne mich.

Am 30. August 1976 starteten die ersten 68 Schülerinnen und Schüler in zwei Klassen ihren Unterricht – allerdings nicht in meinen Räumen, denn die gab es noch gar nicht. Sie lernten in Pavillons an der Hengsteyseestraße. Für Physik, Chemie oder Werken mussten sie zur Hauptschule ausweichen.

Ich selbst war damals noch eine Baustelle.

Am 6. Dezember 1976 rückten die Bagger an. Stein für Stein wuchs ich unterhalb der damaligen Hauptschule - der heutigen Werner-Richard-Schule - empor. Weil der Bau länger dauerte als geplant, zogen meine Schülerinnen und Schüler nach den Sommerferien 1977 zunächst in die alte katholische Grundschule an der Goethestraße, in deren Gebäude heute das Kino ONIKON zuhause ist.

Erst am 24. Oktober 1977 war es endlich soweit. Ich durfte zum ersten Mal zeigen, was ich konnte.

Gut – ehrlich gesagt konnte ich zunächst noch nicht besonders viel. Sechs Klassenräume, einige notwendige Nebenräume und jede Menge Baustellencharme mussten reichen. Aber manchmal genügt ein kleiner Anfang.

Schon in dieser Zeit zeigte sich, was mich bis heute ausmacht: Menschen, die mit anpacken. Eltern organisierten Karnevalsfeiern in den Pavillons, später in meinen neuen Räumen. Im Oktober 1976 gründeten engagierte Bürger den Förderverein unter Vorsitz des Herdecker Malermeisters Otto Hildebrand. Ohne solche Menschen wären Mauern eben nur Mauern.

 

Die 1980er – Walkman, Kalter Krieg und vier Computer

Während draußen Schulterpolster immer breiter wurden, der Walkman Musik mobil machte und schließlich die Berliner Mauer fiel, wuchs auch ich weiter.1979 wurde Richtfest für meinen zweiten Bauabschnitt gefeiert. Anfang des Schuljahres 1980/81 waren schließlich alle Räume fertig.

Sogar ein Sprachlabor bekam ich. Damals galt es als modernste Unterrichtstechnik. Später verschwand es leise im Strudel der technischen Entwicklung. Manche Innovationen bleiben eben nur eine Episode.

1981 erhielt die Schule ihre erste Schulordnung. Mein erster Schulleiter, Realschulrektor Sellmann, schrieb später mit feinem Humor, sie sei geschaffen worden, „damit man sich an ihr reibt und sich über sie hinwegsetzt". Das nenne ich pädagogische Gelassenheit.

Ebenfalls legendär: der Schülersprecher forderte damals im Schulshop Cola zu verkaufen – sonst würde man sie eben woanders kaufen. Damals sorgte das für Gelächter. Heute würde vermutlich erst einmal ein Stuhlkreis stattfinden.

Auch sportlich ging es lebhaft zu. Beim Sportfest trat 1981 sogar eine Lehrerstaffel gegen Schülerinnen und Schüler des neunten Jahrgangs an. Der damalige Chronist vermerkte lediglich, sie habe „besondere Aufmerksamkeit" erregt. Über das Ergebnis schweigt die Geschichte höflich.

Weniger höflich verlief ein Fußballspiel Lehrer gegen Schüler. Die Schülerinnen und Schüler gewannen deutlich. Ich verrate keine Namen.

1982 verabschiedete ich schließlich meinen ersten zehnten Jahrgang. Seitdem haben inzwischen 45 Abschlussjahrgänge meine Flure verlassen – jeder mit eigenen Geschichten, Hoffnungen und Erinnerungen.

Technisch war ich übrigens ebenfalls gut ausgestattet. Stolz berichtete die damalige Chronik von vier Apple-II-Computern – sogar mit Doppellaufwerken! Heute steht ein moderner Informatikraum in meinen Wänden. Vermutlich besitzt allein dieser Informatikraum mehr Rechenleistung als die NASA beim Flug zum Mond zur Verfügung hatte.

Und auch manches blieb erstaunlich konstant: Schon Anfang der 1980er Jahre gehörte das Betriebspraktikum selbstverständlich zum Schulleben. Bis heute verbindet es Schule und Arbeitswelt und macht den Namen „Realschule" jeden Tag ein Stück greifbarer.

 

Die 1990er – Wiedervereinigung, Internet und soziales Engagement

Deutschland wuchs zusammen. Das Internet hielt Einzug in den Alltag und Boybands bestimmten die Charts.

Auch ich entwickelte mich weiter.

1990 begann eine Tradition, die mir besonders am Herzen liegt.

Die Werner Richard – Dr. Carl Dörken Stiftung zeichnet seitdem jedes Jahr Absolventinnen und Absolventen aus, die nicht nur gute Leistungen zeigen, sondern vor allem Verantwortung für andere übernehmen.

Das gefällt mir besonders.

Noten sind wichtig.

Charakter bleibt.

Die Urkunden begleiten viele Preisträger noch Jahre später bei Bewerbungen – ein schönes Zeichen dafür, dass Hilfsbereitschaft manchmal weiter trägt als jede Klassenarbeit.

 

Die 2000er – Handy, Harry Potter und 25 Jahre Leben

Während Handys plötzlich Kameras bekamen, Harry Potter eine ganze Generation verzauberte und soziale Netzwerke die Welt veränderten, durfte ich selbst mein 25-jähriges Bestehen feiern. 

Der ersehnte Anbau wurde endlich verwirklicht und heißt in Schulkreisen immer noch „Neubau“, so bin auch ich ein Stück gewachsen und konnte noch mehr Schülerinnen und Schüler beherbergen. 

Mein erster Schulleiter blickte zurück und erinnerte an viele kleine Geschichten, die in keiner Statistik auftauchen: an Karnevalsfeiern, Diskussionen um Cola, engagierte Eltern und Schülerinnen und Schüler, die auch damals schon ihre Schule mitgestalteten.

Nicht alles blieb erhalten.

Es gab Tanz-AGs, Theatergruppen, Ruder-AGs, Fotografie und Schülerzeitungen wie Spektakel oder No Name. Manche verschwanden, andere machten Platz für neue Ideen.

So ist Schule.

Sie verändert sich ständig und bleibt sich doch treu.

 

Die 2010er – Digitalisierung und eine Welt im Wandel

Smartphones wurden selbstverständlich. Streaming ersetzte CDs. Klimaschutz bewegte junge Menschen weltweit.

Auch ich wurde digitaler: Whiteboards, Computer, WLAN und digitale Medien hielten Einzug in meine Räume. Unterricht sah nun oft ganz anders aus als zu Zeiten von Kreidetafel und Overheadprojektor.

Doch eines änderte sich nie: In meinen Klassenräumen sitzen immer noch junge Menschen, die lachen, diskutieren, Fehler machen, Freundschaften schließen und langsam ihren eigenen Weg finden.

Technik verändert Unterricht. Menschen verändern Schule.

 

Die 2020er – Pandemie, Künstliche Intelligenz und neue Abschiede

Die Welt erlebte eine Pandemie. Unterricht fand plötzlich Zuhause statt. Videokonferenzen ersetzten Klassenzimmer. Später rückte Künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt vieler Diskussionen.

Auch ich musste lernen, zeitweise ohne meine Schülerinnen und Schüler auszukommen.

Ich kann euch sagen: Ein Schulgebäude ohne Kinder ist erschreckend still. Heute sind meine Flure wieder voller Leben. Manches geht allerdings auch zu Ende.

2026 wird meine Schülerbücherei aufgelöst. Seit ihrer Gründung im Oktober 1981 hat sie Generationen von Schülerinnen und Schülern begleitet. Doch das Internet und digitale Medien haben das Lesen verändert. Ein wenig Wehmut bleibt trotzdem.

Aber ich habe gelernt: Veränderung gehört zu meinem Leben.

 

Und heute?

Viele Schulleitungen haben meine Geschichte geprägt: Realschulrektor Sellmann, Realschulrektor Schmalor und schließlich Realschulrektorin Lohscheidt – jeweils gemeinsam mit ihren Konrektorinnen und Konrektoren Herrn Westheide, Frau Korte, Herrn Glaubitz, Herrn Krause, Herrn Erlberg und Frau Hüneke.

Ich habe Generationen kommen und gehen sehen. Aus schüchternen Fünftklässlern wurden selbstbewusste junge Erwachsene. Aus Kreidetafeln wurden digitale Tafeln. Aus vier Apple-II-Computern wurde moderne Informationstechnik. Und doch bleibt eines unverändert. Jeden Morgen öffnen sich meine Türen. Es wird gelacht, gelernt, diskutiert, manchmal auch getrödelt. Es gibt gute Tage und schwierige. Neue Ideen und alte Traditionen. Seit fast fünf Jahrzehnten bin ich deshalb weit mehr als ein Gebäude. Ich bin Erinnerungsort. Lernort. Treffpunkt. Ein kleines Stück Herdecker Geschichte. Und wenn meine Wände sprechen könnten …

… würden sie wahrscheinlich sagen: Auf die nächsten fünfzig Jahre!

 

Chronist: Jens Reimers